Nur sehr selten schau ich Fernsehen und noch viel seltener schaue ich in die Fernsehzeitschrift. Letztes Wochenende habe ich es glücklicherweise getan und durfte Zeuge werden von einer Show die der deutschen Fernsehbranche zu denken geben sollte.

Ganz groß wurde im vergangenen Jahr angekündigt, dass das ZDF mit der Funke Mediengruppe endlich ein neues Konzept für die Goldene Kamera, einem der prestigeträchtigsten Fernseh-/Filmpreise in Deutschland, gefunden wurde. Erwartungsvoll schaltete ich, nach der zufälligen Entdeckung im Fernsehprogramm, den TV ein und machte es mir auf dem Sofa gemütlich. Es dauerte kaum eine viertel Stunde bis ich mich fragte was genau nun das neue Konzept sei. Was ich nun weiß ist, dass das neue Konzept wichtig war für die Finanzierung, Ausstrahlung etc,, für den Zuschauer hat sich aber nicht wirklich etwas geändert. Kein Wunder also, dass für den traditionellen Goldene Kamera Zuschauer die diesjährige Sendung genauso langweilig daher kam, wie die letzte Jahre auch. Doch zu diesem Zeitpunkt wusste man noch nicht was einen erwartet und damit meine ich nicht nur das GoslingGate. Nachdem also eine Lobeshymne auf ausländische Schauspieler nach der anderen gehalten wurde, kam man langsam du den deutschen Kollegen. Nach einem tollen Promotionmusicact für Ed Sheerans neues Album, den man redaktionell natürlich unbedingt noch mitnehmen musste, betraten in der 47. Minute Annette Frier und Matthias Matschke die Bühne. Naja wie soll man es sagen… schon mit den ersten Worten, welche den beiden über die Lippen kamen, ahnte der mitdenkende Zuschauer schon, dass gleich etwas ganz komisches passieren wird. Leider folgte die Bestätigung dieser Vorahnung viel zu schnell. Man kann nicht genau sagen, was die beiden dort veranstalteten, aber das Wort fremdschämen kam mir sehr schnell in den Sinn, als die beiden über die Bühne hüpften, wie man es sonst nur aus Dschungelnaturdokus kennt. Das sogenannte Geschenk an die Schauspielkollegen, ein Gag der Redaktion, entwickelte sich schnell zum ersten denkwürdigen Auftritt des Abends. Gutes haben die beiden sich damit wohl nicht getan und der Ruf deutscher TV Galas im Ausland wird dadurch wohl auch nicht besser. Man sagt ja so schön: „Besser schlechte Presse, als keine Presse, Hauptsache man bleibt im Gespräch!“

Und nun zum GoslingGate, welches von Circus HalliGalli so wunderschön inszeniert wurde, dass ich gern selbst dabei gewesen wäre, denn es zeigt nicht nur die offensichtliche Lücke im Sicherheitskonzept, nein, es offenbart ganz andere Dinge aus der Welt der Galashows, des Entertainments und der deutschen Showbranche. Die Geschichte vom GoslingGate oder wie ich es lieber nenne, the golden Gosling, ist denke ich bereits mehr als bekannt. Für alle, die das erste mal darüber stolpern die Kurzfassung: Während der Show wird die nächste (neue) Kategorie Bester Film international ausgerufen und als Stargast und Repräsentant des Filmes Ryan Gosling auf die Bühne gerufen. Statt dem echten Ryan Gosling, der zu dieser Zeit vermutlich gemütlich einen Mittagschlaf gemacht hat, betritt ein halb gutes Goslingdouble die Bühne, staubt den Preis ab und verschwindet nach zwei Sätzen wieder von der Bühne. Zurück geblieben sind mehr als verdutze Gesichter. Nun kam raus, dass Joko und Klaas hinter der verrückten Aktion stehen und über eine gefakte PR-Agentur den falschen Ryan Gosling ganz gezielt auf die Bühne der Goldenen Kamera gelotst haben, um auch mal eien goldene Kamera zu gewinnen.

Die Aktion ansich ist der Hammer und in die gleiche Kategorie wie Böhmermanns Verafake einzuordnen, denn mit ein bisschen Geschick und Dreistigkeit wurde hier ein ganzes System ausgehebelt und die „wohlbehüteten“ Geheimnisse der Fernsehmacher gelüftet.

Wie Hollywood vernarrt ist die deutsche Fernsehbranche eigentlich, ich meine geht’s noch? Es scheint als versuche man als deutsche Redaktion als einziges Ziel zu haben mit Hollywood mithalten zu können und welche Mittel dafür zum Einsatz kommen scheint egal zu sein … Kaum wird einem die Showteilnahme eines Hollywoodstars angeboten schmeißt man bisherige Planungen um, erfindet spontan neue Preiskategorien, behandelt Schauspieler aus den USA als wären es Götter à la „Sprich mich nicht an, fass mich nicht an und versuche erst gar nicht irgendwas zu sagen, was schlechter als großartig, glamurös, sexy oder sonst ein Superlativ ist“. Das Showintro ist gefüllt mit der Glamurösität der internationalen Highclass. Die scheinbar einzig echten Stars kommen aus dem Ausland und achja, deutsche Schauspieler und Produzenten sind ja auch noch dabei, die haben wir fast vergessen. Das „neue“ Konzept war der Versuch einer TV Gala wieder auf die Beine zu helfen, doch was dabei entstanden ist, ist eine traurige Offenbarung, dass die deutsche Filmbranche in Deutschland wohl nicht mehr viel Wert zu sein scheint. Dabei müssen wir uns in gar nicht mal verstecken, es gibt einige deutsche Kollegen da draußen, die es sehr wohl verdient hätten im selben Atemzug wie Ryan Gosling, Jane Fonder oder anderen Filmgrößen genannt zu werden. Was ist mit Tom Schilling, Wotan Wilke Möhring, Jürgen Vogel, Moritz Bleibtreu, Jan Josef Liefer, Veronica Ferres … sie strahlen vielleicht nicht diesen Glamourfaktor aus, doch immer wieder schreinen alle nach Charaktergesichter, man wolle keine glatt gebügelten Figuren in Filmen, doch bei Galas müssen es dann wohl doch die faltenfreien Gesichter der Damen, die glattgegelten Haare der Männer oder die immer waagemutigeren Glamouroutfits der Stars sein. Es ist traurig mit an zusehen, wie die Arbeit unsere Kollegen unbeachtet stehen gelassen wird, sobald ein sogenannter Star aus dem Ausland auftaucht.

Vor wenigen Wochen sind in den Staaten die Oscars über die Bühne gegangen. 32 Millionen Amerikaner haben diese Gala verfolgt, dass sind immerhin 10% Einschaltqoute für eine rund 5h Show, bei der eigentlich nur ein Preis nach dem anderen Vergeben wird. Auch in Deutschland waren es dieses Jahr 10,4%, worüber beschwert man sich hier eigentlich. Man will immer so toll sein wie in Hollywood, doch wenn man sich die Zahlen anschaut ist man zumindest Quotentechnisch gleichauf. Warum dann also der Humbuck mit dem ganz pseudo Glamour, die Tätschlei der internationalen Stars, die redaktionelle Sinnlosigkeit beim GoslingGate? Warum um alles in der Welt, macht man nicht eine Gala auf deutsch? Oder wenn man schon die Oscarrs nachmachen will, dann sollte man es wenigstens gut machen. Ein beeindruckendes Opening, ein lustiger Standupmonolog, gute nationale Musikeinlagen … Deutschland hat auch was zu bieten, doch wenn unsere Unterhaltungsindustrie mit einem Tunnelblick über den großen Teich schaut und keinen Realitycheck im eigenen Land macht, muss man sich nicht wundern, wenn die Stimmen gegen sinnlos verwendetet GEZ Gelder, verdummendes TV Programm in öffentlich-rechtlichen Sendern oder peinliche Fernsehauftritte von unseren Stars immer lauter werden.

Die deutsche Unterhaltungsbranche, mit den Galas, den Shows, unseren deutschen Musikacts und unseren deutschen Schauspieltalenten, hat vieles zu bieten, wenn es nicht verbogen oder amerikanisiert wird. Die deutschen Zuschauer lieben deutschen Content wenn er gut gemacht ist, nicht ohne Grund floppt eine amerikanischer Serienerfolg nach dem anderen im deutschen TV.

Die Goldene Kamera soll erhalten bleiben, genauso wie ein deutscher Fernsehpreis, die Echoverleihung oder ähnliche Galas im deutschen TV, doch dann sollten auch die nationalen Kollegen im Mittelpunkt stehen!

So nach diesen Worten geht’s mir schon viel besser, die Goldene Kamera 2017 hat viel Kopfschütteln ausgelöst, auch bei mir und es ist sehr schade zu sehen was hinter den Kulissen alles läuft. Ich wollte diese Gedanken mit euch teilen und denke, dass viele meiner Kollegen aus der Filmbranche dem so oder so ähnlich zustimmen. Solange man schweigt, wird sich nichts ändern, sondern die träge Masse treibt weiter dahin, wo sie von ein paar wenigen gelenkt wird.

 

Cheers Simon

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Zum anschauen on demand:

GoslingGate Teil 1

GoslingGate Teil 2

Die Goldene Kamera